+++aktuelle Tätigkeit
Arbeit mit unbegleiteten, minderjährigen Geflüchteten.
in diesem Zusammenhang workshop: reconstructing identity

 Die WeltRettungsMaschine (WRM1)
In einem 3 tägigen workshop im YoungartsNeukölln mit der Klasse 7a der Hans Fallada Schule in Neukölln bauen wir die erste WeltRettungs Maschine. Diese ist in der Lage, die von uns als negativ empfundenen Dinge in der Welt ins Postive zu verwandeln.

 HYBRID /HYBRIS

 fun!no fun!

 1.Mai, 2014

 +++ Die WELT und ICH
Kunstprojekt mit Kindern der Hans Fallada Schule, Neukölln
Aus recycelten Materialien bauen wir ein Planetensystem mit Bewohnern.

 

 

 Text Christoph Tannert, Februar 2012
Wirklichkeit als Möglichkeitsform

Seit Jahren gibt es in der Arbeit von Jörg Finus ein wiederkehrendes Thema: die Urbanisierung von Landschaft, die Künstlichkeit von Natur. Daran hängt auch die Frage, was denn überhaupt „natürlich“ und was „ökologisch“ ist.
Das Entscheidende bleibt, mit seiner Kunst gibt Jörg Finus Anstöße für Freiräume im Kopf. Er argumentiert mit seinen Objekten und Installationen, mit Malerei, Zeichnungen und Computergrafiken für die Kunst, sowie für Kunst in der Rolle als Debattenbeschleuniger oder Stachel in Geschmackssachen. Wenn Jörg Finus an Freiräume denkt, dann zuerst an die Frage, ob es überhaupt Freiräume jenseits der Stadt bzw. des Städtischen gibt. So wie er in seinen Bildern und Projekten gegen uniforme und rein wirtschaftsfreundliche Stadtentwicklung argumentiert, ist er ein Entwickler neuer Leitbilder. In ihnen kommt das Übersehene zu neuem Recht, sie folgen einem anti-planerischer Impuls. Das Sanierte und Gepflegte steht nicht länger im Fokus der Aufmerksamkeit, stattdessen ein neues Verhältnis zur Stadtlandschaft.
Die Darstellung der Natur in Finus’ Malerei-Serie „Wild wood“ (2008-2010) und in Bildern wie „Rastplatz“, „Lichtung“ oder „See“ aus dem Jahr 2010 kann für oder auch gegen das Natürliche gelesen werden. Einerseits werden Aspekte von Umweltzerstörung deutlich, andererseits gibt es Anzeichen für natürliche Rückeroberungskräfte. Würde man lässig mit dieser Thematik umgehen, würde man akzeptieren, dass das Städtische und das Landschaftliche nicht nur nebeneinander existieren, sondern sich zu verzahnen beginnen und Stadt nicht mehr nur als Gefährdung der Landschaft gesehen werden kann.
Jörg Finus hat in seiner malerischen Phase seit 2008 einen Stil entwickelt, der roh und anarchisch wirkt. Schon in seinen Bildern, die Mitte der 1990er Jahre entstanden, gab es Elemente malerischer Derbheit, man könnte auch sagen: des Naturbelassenen. Damals in Schwarz/Weiß und im Dialog mit TV-Störbildern entstanden, abstrakt und verwischt in der Darstellung, alles Illustrative vermeidend, ungeschliffen im Duktus. Struktur- und Wahrnehmungsfragen standen gegenüber der Farbe im Vordergrund. Finus brachte mit diesen Bildern Aspekte von Flüchtigkeit, Auflösung und Unbestimmtheit im modernen Bild- und Alltagserlebnis zum Ausdruck.
Offensiv hat er sein Thema in der Zeichnungsserie „Resort“ (2010/2011) bearbeitet.
Diese Blätter und die großformatigen Collagen mit dem sarkastischen Titel „Renaturierungsgeste“ (2011) sind eine Art bildnerische Rückkopplungsschleife, in der der Künstler die Ideen seiner Objekte und Raumkunstwerke überprüft und sein Publikum anspricht, innezuhalten, zur Besinnung zu kommen, ein ethisch vertretbares Maß für „progress“ zu finden.
Jörg Finus gehört zu jener Generation junger Berliner, die ihre künstlerische Entwicklung wesentlich unter den Bedingungen der „Zwischennutzung“ vollzogen haben. Das bedeutet: unter den Bedingungen, dass die Nutzung von Häusern, Räumen und Flächen zeitlich befristet ist. Diese Planungskultur hat das Berlin der Nachwendezeit wesentlich zu dem gemacht, was es heute ist, auch wenn aktuell wieder eine deutliche Zunahme der Privatisierung und Verplanung des öffentlichen Raumes zu verzeichnen ist. Doch der Impuls anarchischen, wilden Denkens steckt tief. Die Arbeiten von Jörg Finus hinterfragen die Illusion möglicher Nischen und Rückzugsräume innerhalb einer urbanisierten Naturlandschaft. Weder ‚Schutzgebiete’, noch grün gemeinte ‚Natur-Möblierungen’, sei es in Wohnanlagen, Parks, Einkaufszentren oder in ‚Um-Landschaften’ können über die Tatsache einer fortschreitenden, strukturellen ‚Vernutzung’ von Natur hinwegtäuschen. Die - zumeist ökonomisch motivierte - Schaffung von Orten mit angenehmem Naturambiente, ebenso wie individuelle und romantisierende Bemühungen um Naturidylle, stellt er künstlerisch infrage.
Jörg Finus betreibt seit langem die Emanzipation von der verklärenden Landschaftsperspektive, ohne dass er sich eindeutig positioniert. Das Urteil über seine Kunst überlässt er lieber den Betrachtern. Finus’ Bilder verweigern Klarheit und ziehen den Glauben an eine positive Utopie in Zweifel. In seinen Arbeiten ist es nicht heimelig, eher Furcht einflößend labyrinthisch. Das Weitergehen und Weitersehen im Bild kann z.B. behindert werden durch einen Dschungel von metallisch anmutenden Stab-Elementen, die uns zu Gefangenen des Raumes machen, dem wir uns zu unterwerfen haben. Betonbahnen zerschneiden Waldstücke und unterbrechen Gedankenbewegungen. Ein totalitärer Urbanisierungswunsch und die Sehnsucht nach Wildnis liegen im Clinch. Es ist Jörg Finus eine Lust, die Verstrickungen von Natur und Kultur, mal mit giftigem Blick und mal zärtlich zu betrachten, sich in die Sprache seiner Malerei sinken zu lassen, die eine eigene Sphäre aus Tönen, Anklängen, Metaphern herstellt, ein kompositorisches Gewebe, okkupierend dicht, in der Farbgebung perlmuttern mit Metallic-Effekt, verwunschen. In der Empfindung der farblichen Bildganzheit lässt sich nicht mehr auseinanderfiltern, wo der Künstler Mooskissen und wo er Abgase gerochen hat.

Zusammen mit Torsten Hennig gelang Jörg Finus in den 1990er Jahren eine überzeugende Zusammenführung von Metallobjekten, Videoarbeiten und Malerei in Inszenierungen, die sich im „erträumten Multimedia-Super-Berlin“ (Thomas Groß) mit digitalisiertem Punk und kratzigem Rauschen weigerten, schick zu sein. Aus dieser Zeit resultiert der Anspruch von Finus, seine Werke so aufeinander abzustimmen, ja miteinander zu kombinieren, dass ein Raumkonzept entsteht, das die ganze Bandbreite des Ausdrucks zeigt, die Finus seinen Werken abringt. Seine wuchernden Raumcollagen verstehen sich als Erlebnispräparatoren, als intellektuelle Sprungbretter mit Ausblick auf neue Flächen, auf die wir unsere Sehnsucht nach Natur projizieren können. Seine neueste Idee ist ein Landschaftsdiorama, das die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen verschwimmen lässt. Die Wirklichkeit ist für Jörg Finus eine Möglichkeitsform, die er aus miteinander vernetzten Natur- und Architekturelementen stimuliert. „Denn ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Bilder sind Netze, was auf ihnen erscheint, ist der haltbare Fang.“, wie wir von Elias Canetti wissen. (1)

Christoph Tannert
(Februar 2012)

Anmerkungen:
(1)
Elias Canetti: Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921 - 1931, Frankfurt / M., 1982,
S. 109 f.

 A.HOPE
Materialien zu Aufenthalt im Künstlerhaus Lukas
http://www.kuenstlerhaus-lukas.de/?Aktuell_-_Veranstaltungen:Stipendiaten_2013:M%E4rz

 YOUNG ARTS NEUKÖLLN
Kunstprojekt mit Jugendlichen, "wuchernde Städte", im YArts Neukölln
http://youngarts-nk.de/stadt-der-zukunft-fotos-und-aktuelle-ausstellung-im-young-arts/3772

 TEXT I
Fragment zu meiner Arbeit
Juni 2011

Der amerikanische Independent-Film ›OLD JOY‹ handelt davon, wie zwei alte Freunde einen Wochenendausflug in die Wildnis machen. Der Film zeigt, wie die beiden mit dem Auto die Stadt verlassen, wobei unklar bleibt, an welchem Punkt sie die Stadtgrenze letztlich hinter sich gelassen haben. Sie verfahren sich, landen beim Anbruch der Dunkelheit an einem Waldstück am Rande der Straße und beschließen dort zu übernachten.
Der Zivilisation scheinbar entkommen, finden sie dort aber, mitten in der ›Natur‹, Müll zuvor Dagewesener. Im anschließenden Dialog fragt einer der beiden sinngemäß, wo eigentlich noch der Unterschied zwischen der Stadt und dem Land sei. Eine kurze, beiläufige Szene, und doch zeigt sie, wie die Sehnsucht nach Orten jenseits der Kolonisierung von Natur ins Leere läuft. Sie sucht und findet nichts, oder eben zuviel…
Diese Szene hat symbolischen Charakter. Sie umschreibt einen Prozess der Urbanisierung unserer Welt, der auch ein zentrales Thema meiner künstlerischen Arbeit ist.

Wo endet die Stadt, wo beginnt die Natur? Macht eine tradierte Trennung von Natur und Kultur noch Sinn?
Die Metropole und damit der Mensch erobert alles: Siedlungen, Industriegebiete, Straßen, riesige landwirtschaftliche Nutzflächen, Waldwirtschaft, Natur- und Freizeitparks als Hinterlassenschaft….Die urbanisierte Gesellschaft kennt keine Trennung mehr von Stadt und Land: »Die Metropole will die Synthese des ganzen Territoriums.« (vgl. Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand).
Dass diese Synthese nicht friedlich verläuft, vielmehr eine Unterwerfung bedeutet und massivste Zerstörung der Lebensgrundlagen mit sich bringt, ist hinlänglich bekannt und muss eigentlich nicht mehr mit unzähligen Beispielen wie Fukushima, Ölkatastrophen, Klimawandel, Artensterben, riesigen Abholzungen der Regenwälder, Hungersnöten und weiteren täglichen Katastrophenmeldungen belegt werden. Wir zerstören was wir brauchen und wir wissen das. Handeln wider besseren Wissens. Auch wir hinterlassen unseren Müll…
Dass wir zuschauend und wissend diese Entwicklung im Namen des Fortschritts mitverfolgen, wirft für mich als Künstler die Frage auf, wie wir diesem Dilemma auf kultureller Ebene, jenseits von Verdrängung, begegnen.

Die »letzten Paradiese«
Der Versuch in Naturparks, Schutzgebieten und unzähligen Naturdokumentationen im Fernsehen Frieden zu stiften, erscheint kläglich, denn je stärker die strukturelle Vernichtung und damit der tatsächliche Verlust von Natur voranschreitet, umso deutlicher tritt hervor, dass es hierbei um eine Art der Archivierung des bereits Verlorenen geht.
In diesem Sinne sind auch die Dioramen des vergangenen Jahrhunderts von Interesse. Ihr illusionistischer Versuch, intakte Naturräume zu imitieren, verleiht ihnen eine eigenartige Melancholie.
Aktuell lässt sich feststellen, dass je aufwendiger und zahlreicher Filme die Schönheit der Landschaft zeigen – wie beispielsweise die Dokumentation »UNSERE ERDE« – umso mehr haftet ihnen der Charakter eines Abgesangs oder Menetekels an. Dies begleiten und dokumentieren wir, als reale und mediale Touristen in unserer eigenen Welt.

Noch deutlicher wird das fatalistische Bewusstsein gegenüber der eigenen Zerstörung, in der etwas reißerisch gemachten amerikanischen Dokumentation mit dem Titel: ›DIE ZUKUNFT OHNE MENSCHEN‹. Hier wird anhand von Simulationen ein Szenario entwickelt, was mit den menschlichen Konstruktionen nach seinem Verschwinden geschehen würde. Visuell recht anschaulich, wird hier die Überwucherung und damit der Sieg der Natur über jegliche Form zivilisatorischer Spuren des Menschen zum Thema gemacht.
Ein Endzeitszenario, in dem der Mensch quasi wissenschaftlich seine eigene Abschaffung und damit Entmachtung fantasiert.
Die Unfähigkeit in und mit der Welt zu leben, schafft erst den Gedanken der ›Umwelt‹, (die es zu schützen gilt). Wir sind darin Fremde, denen die Verwaltung und Beherrschbarkeit der Welt in diesem Szenario gescheitert zu sein scheint.

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 Text II
Thesen und Notizen zu meiner Arbeit Ahrenshoop im März 2013

Landschaft ist eine Erfindung, Landschaft ist ein Behauptung oder anders gesagt Landschaft wird konstruiert.
Das, was wir Landschaft nennen, ist im ‚Realraum‘ heute weitestgehend kulturell gestalteter Natur-raum. Auch im imaginären Raum unserer Vorstellung und im künstlerisch gestalteten Bildraum, war und ist Landschaft schon immer eine Konstruktion. Dies ist natürlich keine neue These. Landschaft spiegelte und spiegelt unsere Wünsche, Ideen und Projektionen wider. Ort der Sehnsuchtsproduktion. Auch rückwärts gerichteter…Postkartenidylle, malerischer Ort etc. (auch in Ahrenshoop lässt sich in dieser Richtung einiges finden…)

Die Natur kann dafür nichts. Sie ist zunächst einmal einfach da. Die Natur hat sich nicht als Land-schaft erfunden. Wir erfinden sie und wir modellieren sie nach den Kriterien der Ökonomie und Ästhetik neu.

Caspar David Friedrich ist auch deshalb interessant, weil in seiner Kunst eine inhaltliche Aufladung und die entsprechende formale Konstruktion von Landschaft, so deutlich wird. Nach verschiedenen Phasen der Interpretation von Landschaft, romantischen, biedermeierlichen usw. stellt sich die Frage nach heutiger Sicht auf das, was wir als Naturraum wahrnehmen und im Sinne einer Landschaftskunst oder Kunst über Landschaft bildlich darstellen können.
Naturräume sind überall durchdrungen von menschlichen Spuren. Nicht nur alles was wir als Infrastruktur bezeichnen, Straßen, Gebäude, Landwirtschaft- oder Wirtschaftsflächen, sondern auch alle möglichen Möblierungen für Erholung und Freizeit in der Natur. Das Bedürfnis nach Aufenthalt in (unberührter) Natur wird zur gestalterischen Aufgabe, die letztlich das zerstört, was sie zu suchen vorgibt. 








Man muss nicht den Plastikmüll in den Weltmeeren und an den Stränden als Beispiel dafür nehmen, dass ein idyllisierendes Bild auf Landschaft heute häufig absurd erscheint bzw. nicht gelingen mag. (das Wissen, dass im Nordpazifik ein sog. ‚7.Kontinent‘ aus Plastikmüll von der Größe Mitteleuropas treibt, hilft hier auch nicht.)

Die Großartigkeit der Natur ist häufig überwältigend und steht dabei außer Frage…und doch, das liebliche Aquarell und die Impressionen in Öl zeigen nicht mehr das, was wir vorfinden.

Wie kann eine Kunst über Landschaft dann aussehen? Zunächst geht es künstlerisch nicht um die direkten ökologischen Fragen, sondern vielmehr darum, was für den Bereich der Bildenden Kunst relevant erscheint: Die Frage nach dem Bild, das wir von Natur haben und weiter, welches Bild von Natur ich als bildender Künstler entwerfe? Im Bereich des Ästhetischen geht es darum, die Wirklichkeit nicht nur zu dokumentieren, sondern sie künstlerisch zu interpretieren und zu verwandeln. Fotografie ist dabei Hilfsmittel und Grundlage der Recherche und Beobachtung für das, was ich als Landschaft vorfinde und sehe. In meinen Zeichnungen und Collagen ist sie als Zitat und Bildelement auch Wirklichkeitsfragment und Statthalter des nichtkünstlerischen Außen. 

Zwei ambivalente Prinzipien beherrschen dabei viele meiner Arbeiten, die sich mit dem Thema Landschaft beschäftigen. Auf der einen Seite das Prinzip der Konstruktion, auf der anderen Seite das Prinzip der Wucherung. Auch in den tatsächlichen Landschaften ist diese Konfrontation allerorten zu beobachten. Das Urbane, Geplante, Geometrische, Konstruierte dringt in die Natur ein, und verwandelt diese in eine Konstruktions-Landschaft. 
Natur und Pflanzen werden hier nicht nur zu Elementen der Architektur, sie werden im Außen, selbst zu Architektur, zu durchgeplanter Landschaft. Umgekehrt wird Natur aber auch in Innenräume transportiert, Teil von Architektur in Büros, shoppingmalls und ‚tropical islands‘ usw.
Es zeigt sich eine Welt der Rationalität, eine Welt, in der der Mensch die Natur unter seine Kontrolle zu bekommen hofft und die Natur diszipliniert.
‚Flächennutzungplanungsverfahren‘ ist in diesem Kontext ein aufschlussreiches Wort (-ungetüm. Auch hier: Kontrolle und Wucherung in einem..) 

Der Wald, einst unheimlicher, wilder und feindlicher Ort, ist domestiziert, seine dunkle Bedrohlich-keit durch geometrische Ordnung gebannt. (vgl.‘Labyrinth‘, Nicolai, Wenzel, 2012, S. 269)
Der Prozess dieser Kontrolle und Rationalisierung selbst jedoch verläuft insgesamt (und weltweit) gesehen, ungebremst, chaotisch und wuchernd, unabhängig der Tatsache von ihm zugrundeliegen-der Planung. Wachstum als Grundlage und unhinterfragtes Leitbild.
Wie so häufig stellt sich die Frage, an welchem Punkt das Rationale irrational wird, sich in sein Gegenteil verkehrt bzw. gegen sich selbst kehrt…(vgl.die ‚Dialektik der Aufklärung‘).
Beobachtet man diese zwei Prinzipien, die ich hier Konstruktion und Wucherung nenne, auch inhaltlich genauer, so fällt auf, dass sie tatsächlich zwei unterschiedliche Pole, die sich aufeinander zu bewegen innerhalb einer Entwicklung sind. 
Schreiben wir die Wucherung dem ‚Biologischen‘, die Konstruktion dem ‚Technischen‘ zu und stellen fest, dass in dem Maße wie wir die Natur technisieren, die Technik biologisieren. Natur wird technisch, Technik natürlich. (nicht nur sprachlich: net, cloud, sky, bionic etc.) Der Mensch selbst ist und wird mehr und mehr zur Schnittstelle dieser Entwicklung, aber das wäre ein weiteres Thema. (werden wir noch aus Stammzellen gezüchtetes Fleisch aus Laboren essen? mit Computerbauteilen im Gehirn körperlich verschmelzen?...?)

 vgl. Kevin Kelly:Die zweite Schöpfung

Die Materialien, die ich benutze und kombiniere sind ebenfalls ambivalent. Sie passen, nach gängigen Vorstellungen, häufig nicht zusammen. Nur als Beispiel: In der Regel wird entweder mit Kohle, Tusche, Bleistift oder Edding, Filzstiften gezeichnet. Die Medien ordnen sich unterschiedlichen Sphären zu. Hier das ‚klassisch‘ künstlerische Medium, mit dem das naturverbundene, naturnahe, authentische und Originale assoziiert wird (z.B. Kohle, Tusche, Aquarell), dort das technische Medium (Edding, Filzstift, Kugelschreiber), das Architektonischem, Seriellem, usw. zugeordnet wird. Ähnlich, wie bei der Verbindung von billigen, fotografischen Ausdrucken und Zeichnerischem, geht es bei der Kombination dieser unterschiedlichen Medien in meinen Arbeiten weniger um innerkünstlerisches postmodernes Zitat, als vielmehr Spiegelung von Diskrepanzen in der Wirklichkeit, die uns umgibt. (Der innerkünstlerische bzw. theoretische Diskurs um Postmoderne etc. interessiert mich in diesem Zusammenhang nicht). 
Vielmehr ist es interessant, all die nicht zusammenpassenden Dinge zu beobachten und zu beschreiben, die sich überall in unserer Welt befinden. All diese Dinge, mit denen wir unsere Städte, aber eben auch unsere Landschaften möblieren. Alles ist vollgestellt. Alles existiert nebeneinander, gleichzeitig… Der Baum, das Plakat, der Parkplatz, der Wald, die Satellitenschüssel, das Gestrüpp…Unbedingter Gestaltungswille zeigt sich in exakten Heckenbeschneidungen, wie auch dem kompletten Sortiment von Bau-und Gartenzentren, das in die Wirklichkeit hinausgeschwemmt wird. Häufig sind gerade die zweckhaft gedachten Gegenstände und Planungen im Naturraum besonders absurd. Kann es eine Aufgabe der Kunst den Blick auf die uns umgebende Wirklichkeit zu schärfen? Ahrenshoop…
Die Stadt ist weit weg !?